Führung neu zu denken bedeutet für Werner Reichkendler aus Saalfelden, Verantwortung nicht aus Position, sondern aus Haltung zu leben. Als Leadership Sherpa begleitet er Menschen, Teams und Organisationen dabei, Klarheit zu gewinnen, Orientierung zu finden und ihre eigene Wirksamkeit zu entfalten. Geprägt von Bergsport, internationaler Projektverantwortung und persönlicher Ausdauer verbindet er Struktur mit Menschlichkeit.
Im Interview spricht er darüber, warum Führung Halt geben muss, wie Vertrauen entsteht – und weshalb nachhaltige Kraft immer aus Eigenverantwortung wächst.
Interview mit Werner Reichkendler
Was hat Sie dazu bewogen, „Sherpa“ als Haltung und Angebot zu entwickeln – und was bedeutet für Sie der Satz: „Ich bringe Menschen in ihre Kraft“?
In meinem bisherigen Leben war ich immer ein Macher. Ich habe Verantwortung übernommen, Projekte umgesetzt und Dinge vorangetrieben – beruflich wie sportlich.
Gleichzeitig hatte ich das große Glück, auf meinem Weg immer wieder Menschen an meiner Seite zu haben, die mir Orientierung gegeben und mir zugetraut haben, meinen eigenen Weg zu gehen. Rückblickend waren genau diese Menschen entscheidend für meine Entwicklung.
Auf dem Weg in die Selbstständigkeit wurde mir klar, dass ich meine Rolle verändern möchte. Ich wollte nicht mehr selbst im Mittelpunkt stehen, sondern andere stärken. Aus dem Macher wurde ein Möglichmacher.
Es ging mir immer weniger darum, Lösungen vorzugeben, und immer mehr darum, Menschen in ihre eigene Wirksamkeit zu bringen.
Das passende Bild dafür habe ich im Bergsport gefunden. In Hochgebirgsexpeditionen sind Sherpas ein unverzichtbarer Teil der Expidition. Sie tragen Lasten, kennen die Bedingungen, bringen Erfahrung ein und sorgen dafür, dass eine Expedition überhaupt möglich wird.
Gleichzeitig nehmen sie den Menschen nicht die Entscheidung ab, ob und wie sie weitergehen. Genau diese Haltung beschreibt sehr gut, wie ich heute arbeite. Aus meiner Erfahrung, meiner Haltung und meiner Bergsportbegeisterung ist so der Leadership Sherpa entstanden.
Das passende Bild dafür habe ich im Bergsport gefunden. Dort sind es die Sherpas, die nicht den Gipfel für andere erklimmen, sondern Wege kennen, Sicherheit geben und im richtigen Moment unterstützen.
Sie gehen mit, aber sie tragen nicht. Diese Haltung beschreibt sehr genau, wie ich heute arbeite. So wurde aus meiner Erfahrung, meiner Haltung und meiner Bergsportbegeisterung der Leadership Sherpa.
Der Satz „Ich bringe Menschen in ihre Kraft“ bedeutet für mich, dass Menschen am Ende einer Zusammenarbeit in der Lage sind, ähnliche oder größere Herausforderungen selbst zu meistern. Sie gewinnen Klarheit, Vertrauen in ihre Entscheidungen und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Genau darin liegt für mich nachhaltige Wirksamkeit.
Sie sprechen von einer anderen Arbeitswelt, in der Führung nicht herrscht, sondern hält. Was braucht es, damit Führung wieder Orientierung und Halt geben kann?
Wir müssen Führung neu denken. Führung ist keine Position, sondern eine Funktion. Eine Funktion, die dem System dient. Führung trägt Verantwortung für das System – für Menschen, Strukturen, Kultur und Zusammenarbeit – nicht nur Verantwortung im System.
Orientierung entsteht dort, wo Führungskräfte das große Ganze im Blick behalten und bereit sind, sich selbst in den Dienst dieses Ganzen zu stellen.
Das erfordert Klarheit, Reflexionsfähigkeit und die Bereitschaft, Macht nicht als Durchsetzung, sondern als Verantwortung zu verstehen.
Ein zentraler Punkt ist für mich die Beziehung zu den Menschen. Führungskräfte müssen ihre Mitarbeiter mögen. Das klingt einfach, ist aber entscheidend.
Wer Menschen nicht mag, wird sie kontrollieren oder begrenzen. Wer Menschen mag, interessiert sich für ihre Entwicklung. Das Ziel von Führung ist aus meiner Sicht, Menschen in ihrer Reifeentwicklung zu begleiten – hin zu Mitarbeitenden, die Verantwortung übernehmen wollen und können.
Dazu gehört auch, sich als Führungskraft immer wieder zurückzunehmen. Nicht aus Schwäche, sondern aus Stärke. Denn wenn es dem Ganzen gut geht, geht es auch dem Einzelnen gut. Führung, die hält, schafft genau diesen Rahmen.
Die Sherpa-Metapher beschreibt Ihre Rolle sehr treffend. Wie zeigt sich diese Haltung konkret in Ihrer Begleitung von Menschen und Teams?
Was mich an klassischer Beratung immer gestört hat, war die Haltung: „Wir wissen, wie es geht – und alles, was ihr bisher gemacht habt, war falsch.“
In diesem Moment verliert man Menschen. Organisationen funktionieren nicht zufällig. Sie werden jeden Tag von Menschen am Laufen gehalten, die ihr Bestes geben.
Deshalb beginnt meine Arbeit immer mit Wertschätzung – für die Menschen und für das, was bereits da ist. Ohne diese Grundhaltung entsteht kein Vertrauen, und ohne Vertrauen keine nachhaltige Veränderung.
Konkret starte ich jede Zusammenarbeit mit einer systemischen Diagnose. Mir geht es nicht um Symptome wie Motivationsprobleme oder Konflikte, sondern um die dahinterliegenden Ursachen.
Darauf aufbauend entwickeln wir gemeinsam Orientierung: Wir machen den Gipfel sichtbar, indem wir ein klares Ziel definieren. Wir legen die Route fest, indem wir Wege, Risiken und Ressourcen klären. Und wir packen den Rucksack, indem wir konkrete Schritte, Verantwortlichkeiten und Entscheidungen festlegen.
Meine Rolle ist dabei klar: Ich bin Teil des Lösungssystems, aber nicht Teil der Organisation. Dadurch behalte ich den Metablick, kann Muster erkennen und Optionen aufzeigen. Gehen müssen die Menschen und Teams den Weg selbst – in ihrem Tempo und in ihrer Verantwortung.
Werner Reichkendler: Räume schaffen, in denen Menschen Verantwortung übernehmen wollen
Sie sagen, es geht nicht darum, mehr aus Teams „herauszuholen“, sondern Räume zu schaffen, in denen Menschen ihr Bestes geben wollen. Wie entstehen solche Räume?
Solche Räume entstehen nicht durch Druck oder Anreizsysteme, sondern durch Sinn, Orientierung und Beziehung. Einer der größten Irrtümer unserer Arbeitswelt ist die Annahme, Menschen würden ohne Druck nichts leisten. Wer hinsieht, erkennt das Gegenteil: Menschen übernehmen Verantwortung und gehen an ihre Grenzen, wenn sie den Sinn ihres Handelns erkennen.
Ich erlebe das auch außerhalb von Organisationen: im Ehrenamt, im Vereinsleben oder am Berg. Menschen leisten Unglaubliches, nicht weil es leicht ist, sondern weil es Bedeutung hat. Genau das lässt sich auf Unternehmen übertragen.
Führung hat die Aufgabe, den Beitrag jedes Einzelnen zum Ganzen sichtbar zu machen. Wenn Menschen verstehen, warum ihre Arbeit wichtig ist, entsteht intrinsische Motivation.
Dann verändern sich auch die Fragen: Nicht mehr „Was habe ich davon?“, sondern „Was braucht es jetzt?“ Verantwortung wird übernommen, nicht eingefordert. Konflikte werden offener angesprochen, Zusammenarbeit selbstverständlicher.
Umsatz und Gewinn sind dabei wichtig, aber sie sind Ergebnis, nicht Ursache. Gewinn ist wie Sauerstoff – lebensnotwendig, aber nicht der Grund zu leben. Sinn ist der Motor, wirtschaftlicher Erfolg die Folge.
Ihre Arbeit basiert auf den Werten Klarheit, Verlässlichkeit und Ausdauer. Wie leben Sie diese Werte in herausfordernden Situationen?
Diese Werte haben sich in meinem Leben dort geformt, wo es unübersichtlich und anspruchsvoll wurde. Als Projektleiter in der Automobilindustrie habe ich internationale Millionenprojekte verantwortet, in denen Klarheit über Ziele, Rollen und Entscheidungen entscheidend war. Unklarheit erzeugt Reibung – Klarheit schafft Orientierung.
Verlässlichkeit habe ich sowohl in komplexen Organisationsstrukturen als auch im Bergsport als zentralen Vertrauensanker erlebt. Gerade in schwierigen Situationen zeigt sich, ob Menschen präsent bleiben oder ausweichen. Diese Präsenz ist auch die Basis meiner Arbeit als Coach.
Ausdauer schließlich lebe ich sehr bewusst. Mehrere Ironman-Wettkämpfe und der Transalpine Run im Team mit meiner Frau haben mir gezeigt, dass Entwicklung Zeit braucht und Zweifel dazugehören. Genau dort entscheidet sich, ob man dranbleibt. Diese Erfahrung prägt auch meine Begleitung von Menschen und Teams.
Gibt es eine Rückmeldung, die Ihnen besonders gezeigt hat, dass durch Ihre Begleitung Vertrauen und Gestaltungskraft entstehen?
Über meine Klientinnen und Klienten spreche ich grundsätzlich nicht im Detail. Vertraulichkeit ist für mich eine zentrale Voraussetzung für Vertrauen. Umso wertvoller sind Rückmeldungen, die zeigen, was in diesem geschützten Raum entstehen kann.
Ein Unternehmer hat es nach unserer Zusammenarbeit so formuliert:
„Danke, Werner, für deine wertvolle Unterstützung. Gemeinsam konnten wir einen klaren Lösungsweg entwickeln – dabei habe ich nicht nur mein Anliegen geklärt, sondern auch viel über zwischenmenschliche Dynamiken gelernt. Deine Begleitung war für mich ein echter Gewinn.“
Für mich beschreibt das sehr gut, worum es geht: nicht nur Probleme zu lösen, sondern Menschen in die Lage zu versetzen, Zusammenhänge zu verstehen und selbst wirksam zu gestalten. Genau dort entsteht Kraft.
Über Werner Reichkendler:
Ich: Werner Reichkendler aus Saalfelden, 39 Jahre alt, begeisterter Sportler, verheiratet, Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, werdender Vater, ausgebildeter Mechatronik Ingenieur, MBA Absolvent an der Donau Uni Krems, diplomierter Lebens- und Sozialberater, an Menschen interessiert




