Interviews

Laurin Gausch & Gitti Wirnharter: Erinnerungen, die Generationen verbinden

Aus einer persönlichen Familienidee entstand Treemory: ein Videoporträt, das Erinnerungen, Lebensgeschichten und Verbundenheit für kommende Generationen bewahrt. Im Interview erzählen Laurin Gausch und Gitti Wirnharter, wie aus einem Gespräch in Wien ein berührendes Angebot wurde.

Sie sprechen darüber, warum echte Geschichten Zeit, Vertrauen und ein sicheres Umfeld brauchen. Dabei zeigen sie, wie wertvoll es sein kann, das eigene Leben aus neuer Perspektive zu betrachten und Familien durch gemeinsame Erinnerungen näher zusammenzubringen.

Interview mit Laurin Gausch & Gitti Wirnharter

Laurin Gausch & Gitti Wirnharter Interview

Treemory ist aus einem sehr persönlichen Familienprojekt entstanden wie wurde aus dieser Idee ein Angebot für andere Menschen?

In einem kleinen Irish Pub in Wien haben wir 2024 zur Weihnachtszeit darüber gesprochen, wie schnell die Zeit vergeht und wie toll es wäre, sinnbildlich einfach ein Marmeladenglas aufzumachen und eine Momentaufnahme von uns und von all unseren Liebsten darin einzufangen, für unser späteres Ich oder für spätere Generationen. Aus diesen Gedanken haben wir kurz darauf Nägel mit Köpfen gemacht.

Wir waren euphorisch! Unsere Familien eher skeptisch. Mit der Zeit kam bei der jüngeren Generation dann doch die Neugier auf, von der älteren Generation eher ein: „Was habt ihr denn jetzt schon wieder vor.“

Schritt für Schritt beobachteten sie die Entwicklung unseres Vorhabens, bis sie schließlich auf einem Stuhl vor der Kamera saßen und merkten, worauf sie sich glücklicherweise eingelassen haben.

Am Ende hat es keine einzige Person bereut. Nicht nur das Interview selbst war für alle eine besondere Erfahrung, sondern auch das gemeinsame Anschauen der Filme: neue Blickwinkel, mehr Verständnis füreinander, Dankbarkeit und das Wiederaufleben von Momenten, die man fast vergessen hatte.

Erst im Nachhinein wurde uns allen klar, was für ein Schatz dabei entstanden ist. Und genau unsere Familien waren es dann auch, die immer wieder gesagt haben: Es wäre schade, wenn wir das nur für uns behalten.

Da kam also vieles zusammen: diese Erfahrung, die Reaktionen unserer Familien und unser beruflicher Hintergrund im Film. Als Filmschaffende ist die Sinnfrage in unserer Arbeit für uns zudem besonders wichtig.

In Treemory stellt sich nach unserem persönlichen Familienprojekt diese Frage nicht mehr, denn wenn etwas Sinn macht, dann so etwas.

Sie sprechen davon, mehr als nur Erinnerungen zu hinterlassen was macht ein persönliches Videoporträt so wertvoll für Familien und kommende Generationen?

Unser anfänglicher Gedanke war es, Persönlichkeiten mithilfe der Kamera einzufangen und eine Art „Video-Stammbaum“ zu kreieren. Aber es ist noch viel mehr daraus entstanden.

Als wir mit unseren eigenen Familien angefangen haben, ist uns etwas Wunderbares aufgefallen. Die filmischen Momentaufnahmen der anderen und das gemeinsame Ansehen der Filme eröffneten neue Blickwinkel auf die eigenen Familienmitglieder. „Wow, ich wusste gar nicht, dass dich das so geprägt hat.“ oder: „Ich habe das Gefühl, dich jetzt viel besser zu verstehen.“

Und genau da haben wir gemerkt, worum es eigentlich geht. Man begegnet sich danach auf einer ganz anderen, viel intimeren und liebevolleren Ebene. Auf einmal wird einem klar, dass die Oma auch einmal ein junges Mädchen mit Träumen, Ängsten, guten und schlechten Zeiten war.

Das Interview bringt persönliche Themen zum Vorschein, über die man normalerweise – vielleicht gerade WEIL es sich um das normale Leben handelt – nicht redet.

Das verbindet, das lässt die Familie näher zusammenrücken und stärkt das Verständnis und die Neugier füreinander.

Laurin Gausch & Gitti Wirnharter: Wenn Vertrauen echte Geschichten sichtbar macht

Laurin Gausch & Gitti Wirnharter treemory.com

Im Zentrum steht ein tiefgehendes Interview wie gelingt es Ihnen, echte, emotionale und authentische Geschichten sichtbar zu machen?

Das Allerwichtigste ist ein sicheres Umfeld. Dass wir für das Interview in die vertraute Umgebung unserer Kundinnen und Kunden kommen, hilft enorm. Es nimmt bei unserem Gegenüber Druck raus und sorgt für eine gewohnte Wohlfühlatmosphäre. Zudem planen wir bewusst genug Zeit ein.

Es ist ganz logisch, dass man zu Beginn des Interviews nervös ist – das kennen wir selbst, wir saßen für unseren eigenen Treemory-Film auch vor der Kamera und wissen, wie sich das anfühlt. Aber das Schöne ist, dass sich nach kurzer Zeit die Unsicherheit legt, und die Menschen beginnen, sich einfach auf das Gespräch einzulassen.

Ein wichtiger Punkt für viele ist auch das Wissen, dass alles, was gesagt wurde, auch weggeschnitten werden kann. Das gibt Sicherheit. Gleichzeitig ermutigen wir dazu, sich wirklich Zeit zu nehmen.

Nachdenken ist bei uns erlaubt. Gerade in den stillen Momenten entstehen oft die ehrlichsten Blicke und Gedanken. Aber auch das intuitive Antworten hat bei vielen Menschen schon für überraschende Erkenntnisse über sich selbst gesorgt.

Es gibt kein Drehbuch. Jedes Interview ist sehr individuell. Wir zwingen niemanden, über etwas zu sprechen, das sich nicht richtig anfühlt, aber geben durch unsere Fragen eine Struktur, an der man sich orientieren kann.

Und irgendwann passiert es ganz von selbst: Die Kamera wird nebensächlich, die Nervosität verschwindet und es entsteht ein Moment, in dem die interviewte Person einfach nur bei sich ist und beginnt, ihre eigene Geschichte und ihre Sicht aufs Leben zu erzählen.

Was verändert sich bei Menschen während und nach einem Treemory-Projekt emotional oder im Blick auf ihr eigenes Leben?

Es kommen zwar von uns Fragen, aber die Antworten führen nicht zu einem klassischen Gespräch mit direkten Reaktionen, weshalb es sich für die interviewte Person wie eine Art besonderer Monolog über das eigene Leben anfühlt. Und dabei kommen plötzlich Gedanken hoch, über die man im Alltag nie spricht, gerade weil sie so selbstverständlich wirken.

Was sich verändert, merken viele erst im Nachhinein. Nach dem Interview wissen die wenigsten noch, was sie eigentlich erzählt haben. Es ist wie ausgelöscht, was es umso spannender macht, den fertigen Treemory-Film zu sehen.

Viele sind überrascht von sich selbst. Sie hören ihre eigenen Worte, sehen ihre Geschichte von außen und beginnen, ihr Leben anders einzuordnen.

Ältere tauchen oft noch einmal in frühere Lebensphasen ein und entdecken neue Perspektiven auf das, was sie geprägt hat. Jüngere reflektieren stärker, wo sie gerade stehen und was ihnen wirklich wichtig ist.

Was aber alle gemeinsam haben: Das Verständnis für sich selbst wächst. Man erkennt klarer, woher man kommt, warum man ist, wie man ist, und das verändert oft auch den Blick auf sich selbst und die eigene Familie.

Können Sie von einem besonders berührenden Moment erzählen, der zeigt, welche Bedeutung Ihre Arbeit für Familien hat?

Es gibt unglaublich viele solcher Momente, aber einer ist uns besonders in Erinnerung geblieben.

Wir haben eine Frau gefragt, wie sie ihre Familie beschreiben würde. Noch bevor sie richtig antworten konnte, kamen ihr die Tränen. Und dann sagte sie, dass ihre Familie heute ihr Sinn im Leben ist. Was es so besonders gemacht hat: Sie war früher überzeugt davon, nie eine Familie gründen zu wollen. In diesem Moment saß sie einfach da, sichtlich bewegt von dem, was sie selbst gesagt hat.

Über Laurin Gausch & Gitti Wirnharter:

Gitti Wirnharter aus Bayern und Laurin Gausch aus Tirol – professionelle und studierte Filmemacher*innen aus Leidenschaft mit Sitz in Hallein, denen Tiefgang und die Geschichten der Menschen am Herzen liegen.

Seit vielen Jahren sowohl beruflich als auch privat ein Paar und neugierig darauf, welche Begegnungen mit inspirierende Menschen noch auf ihrem gemeinsamen Weg liegen.

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