Interviews

Ursula Gruber: Räume schaffen für Orientierung, Stabilität und neue Perspektiven

Ursula Gruber gibt Einblick in ihre spezialisierte Arbeit mit Frauen nach belastenden Beziehungserfahrungen und erläutert, warum Verständnis, Sicherheit und Zeit zentrale Elemente ihrer Begleitung sind. Sie beschreibt die oft verborgenen Dynamiken toxischer Beziehungen und zeigt auf, wie emotionale Bindung und innere Ambivalenz entstehen.

Zudem erklärt sie ihren ganzheitlichen Ansatz, der Beratung, kreative Methoden und körperzentrierte Verfahren verbindet, um Stabilisierung und Selbstwahrnehmung behutsam wieder aufzubauen.

Interview mit Ursula Gruber

Ursula Gruber Interview

Was hat Sie persönlich dazu bewogen, sich auf die psychosoziale Begleitung von Frauen nach belastenden Beziehungserfahrungen zu spezialisieren?

Meine langjährige Auseinandersetzung mit psychischer Gewalt, emotionaler Abhängigkeit und toxischen Beziehungsmustern ist sowohl fachlich als auch erfahrungsbasiert gewachsen. Diese Nähe zum Thema schärft meinen Blick dafür, wie tiefgreifend solche Dynamiken wirken können – und wie wichtig eine Begleitung ist, die nicht bewertet, sondern versteht.

In Verbindung mit meiner fachlichen Expertise und meinem gestalterischen Zugang entsteht daraus ein vertrauensvoller und qualitativ hochwertiger Rahmen für die Begleitung.

Diese Arbeit ist für mich ein Herzensprojekt.

Sie ist aus dem tiefen Bedürfnis entstanden, Frauen eine Stimme zu geben, deren Erfahrungen lange keinen Raum hatten, und ihnen Orientierung in einer Phase zu bieten, in der vieles innerlich ins Wanken geraten ist.

Viele Ihrer Klientinnen kommen aus toxischen oder narzisstischen Beziehungsmustern. Woran erkennen Betroffene oft erst spät, dass sie sich in einer solchen Dynamik befinden?

Ein zentraler Grund ist, dass diese Dynamiken selten von Anfang an offensichtlich sind. Sie beginnen leise – mit kleinen Irritationen, mit Unsicherheit, mit dem Gefühl: „Irgendetwas stimmt nicht.“ Nähe und Belastung wechseln sich ab, was Hoffnung erzeugt und gleichzeitig bindet.

Unser Bindungssystem arbeitet dabei nicht logisch, sondern reagiert auf Nähe, Verlust und emotionale Sicherheit. Wird Nähe entzogen, entsteht innerer Stress; kehrt sie zurück, folgt Erleichterung. Das Nervensystem beginnt, sich an dieses Auf und Ab anzupassen.

In Phasen von Zuwendung werden Botenstoffe wie Serotonin ausgeschüttet, die Verbundenheit und Hoffnung vermitteln. Bei Rückzug oder Abwertung steigt das Stresshormon Cortisol – der Körper gerät in Alarmbereitschaft. Dieses Wechselspiel verstärkt die emotionale Bindung.

Typisch ist ein Beziehungszyklus aus bestimmten Phasen, die fließend ineinander übergehen: Anfangs erleben viele Betroffene intensive Nähe, Aufmerksamkeit und große Versprechen.

Nach der Öffnung verändert sich die Dynamik – Kritik, Abwertung oder Schuldumkehr nehmen zu, Zuneigung wird unberechenbar. Häufig folgt ein emotionaler oder tatsächlicher Bruch. Nicht selten kommt es danach wieder zu Annäherung, Reue oder Versprechungen von Veränderung – Hoffnung wird erneut aktiviert.

In diesem Prozess beginnen viele Betroffene, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Gefühle werden relativiert, Grenzen verschoben, Verantwortung übernommen, die eigentlich nicht die eigene ist. Ambivalenz ist eine logische Folge: gehen wollen und bleiben, sich schützen wollen und gleichzeitig Nähe suchen.

Oft finden Frauen erst dann den Weg in die Beratung, wenn sie emotional stark erschöpft sind, sich körperliche Symptome zeigen oder bereits Gewalt auf verschiedenen Ebenen erlebt wurde. Entscheidend ist: Es geht nicht um fehlende Einsicht oder mangelnde Stärke, sondern um komplexe innere Prozesse, die Zeit und einen geschützten Rahmen brauchen, um verstanden zu werden.

Sie arbeiten mit einer Kombination aus bewährten Beratungsmethoden, kreativen Ansätzen und körperzentrierten Verfahren. Wie ergänzen sich diese Zugänge in Ihrer Arbeit?

Viele belastende Beziehungserfahrungen werden nicht nur im Denken gespeichert, sondern im gesamten Erleben – im Körper, im Nervensystem und im Selbstbild. Deshalb reicht es oft nicht aus, ausschließlich darüber zu sprechen. Gespräche sind wichtig, wirken jedoch am besten, wenn sie durch andere Zugänge ergänzt werden.

Inspiriert durch meinen ursprünglichen beruflichen Hintergrund als Designerin arbeite ich viel mit Veranschaulichung und dem Sichtbarmachen innerer Prozesse.

Gestalterische Zugänge helfen dabei, innere Zustände greifbar zu machen, für die es oft keine Worte gibt – etwa durch die Arbeit am Systembrett, mit Karten oder symbolischen Bildern.

Körperzentrierte Methoden unterstützen dabei, wieder Sicherheit im eigenen Erleben zu finden, zum Beispiel durch Atemtechniken, Bodenanker, Körperwahrnehmungsübungen, Fantasiereisen oder meditative Elemente zur Regulation des Nervensystems.

Klassische Beratungsmethoden geben dabei Struktur und Orientierung, gezielte Fragetechniken regen zur Reflexion an. In Kombination entsteht ein ganzheitlicher Zugang, der nicht überfordert, sondern Schritt für Schritt stabilisiert.

Wenn es passend ist, fließt auch die Natur in die Arbeit mit ein – als Raum für Ruhe, Bewegung und Wahrnehmung, der oft genau das bietet, was in belastenden Phasen verloren gegangen ist.

Ursula Gruber: Den inneren Boden wiederfinden

Ursula Gruber Dipl. Psychosoziale Beraterin

Mit welchen Themen oder inneren Zuständen kommen Frauen besonders häufig zu Ihnen – und was steht zu Beginn der Begleitung im Vordergrund?

Viele Frauen kommen mit Erschöpfung, innerer Unruhe, Selbstzweifeln oder Entscheidungsblockaden. Häufig beschreiben sie das Gefühl, zu wissen, dass ihnen die Situation schadet, ohne einen klaren Ausweg zu sehen.

Oft besteht ein dringender Wunsch, sich aus der Beziehung zu lösen. Andere kommen nach einer Trennung und leiden unter den Folgen von emotionaler Nachtrennungsgewalt, anhaltenden Ängsten oder intensiven Trauerprozessen.

Neben emotionalen Belastungen zeigen sich nicht selten auch körperliche Beschwerden, etwa Schlafstörungen, anhaltende Anspannung, Magen-Darm-Probleme oder Erschöpfungssymptome. Zu Beginn der Begleitung steht daher nicht die „Lösung“, sondern Stabilisierung.

Es geht darum, das Erlebte einzuordnen, die eigene Wahrnehmung wieder ernst zu nehmen und einen sicheren inneren Boden herzustellen.

Erst wenn Orientierung und innere Sicherheit wachsen, können nächste Schritte sinnvoll und selbstbestimmt entstehen.

Psychosoziale Beratung wird oft mit Psychotherapie verwechselt. Wie erklären Sie den Unterschied – und für wen ist psychosoziale Beratung besonders hilfreich?

Psychosoziale Beratung richtet sich an Menschen, die sich in belastenden Lebenssituationen befinden, jedoch nicht an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung leiden. Sie ist ressourcenorientiert, alltagsnah und auf Stabilisierung, Orientierung sowie persönliche Entwicklung ausgerichtet.

Im Unterschied zur Psychotherapie arbeitet psychosoziale Beratung nicht diagnostisch und behandelt keine psychischen Störungen im klinischen Sinn. Vielmehr geht es darum, Menschen in herausfordernden Lebensphasen zu begleiten, ihre eigenen Ressourcen wieder zugänglich zu machen und Handlungsspielräume zu eröffnen.

Besonders hilfreich ist psychosoziale Beratung für Menschen in Übergangs- und Umbruchphasen – etwa nach Trennungen, bei Erschöpfung, innerer Neuorientierung oder wenn alte Muster hinterfragt werden. Sie bietet einen geschützten Rahmen, um Erlebtes einzuordnen, Klarheit zu gewinnen und wieder mehr innere Stabilität zu entwickeln.

Gibt es einen Moment aus Ihrer Arbeit, der für Sie besonders deutlich zeigt, wie wichtig geschützte Begleitung ist?

Es gibt keinen einzelnen Moment, sondern viele kleine. Etwa wenn Frauen zum Erstgespräch innerlich stark erschöpft und verunsichert kommen und sich im Laufe der gemeinsamen Arbeit wieder aufrichten – wenn der Blick nicht mehr ausschließlich rückwärts gerichtet ist, sondern langsam wieder nach vorne.

Besonders berührend sind jene Augenblicke, in denen Klientinnen Gedanken oder Gefühle aussprechen, die bisher keinen Raum hatten und dadurch erstmals Entlastung erfahren.

Diese Veränderungen geschehen nicht abrupt, sondern von Sitzung zu Sitzung. Kleine Schritte werden sichtbar, innere Prozesse kommen in Bewegung. Genau dafür braucht es einen geschützten Rahmen, in dem nichts bewertet oder beschleunigt wird. Entwicklung entsteht dort, wo Sicherheit wächst.

Über Ursula Gruber:

Ursula Gruber ist diplomierte psychosoziale Beraterin mit einem ausgeprägten Gespür für innere Prozesse, Beziehungsmuster und persönliche Wandlungsphasen. Ihre Arbeit ist geprägt von einer langjährigen fachlichen und erfahrungsbasierten Auseinandersetzung mit psychischer Gewalt, emotionaler Abhängigkeit und toxischen Beziehungsdynamiken.

Was sie auszeichnet, ist ihr tiefes Verständnis dafür, wie sich belastende Beziehungen auf Selbstwert, Körpergefühl und innere Orientierung auswirken können. Die Nähe zum Thema hat ihren Blick dafür geschärft, wie wichtig eine Begleitung ist, die nicht bewertet oder pathologisiert, sondern Sicherheit, Einordnung und Klarheit ermöglicht.

Geprägt wurde Ursula Gruber nicht nur durch ihre Ausbildung, sondern auch durch persönliche Lebens- und Entwicklungserfahrungen. Begegnungen mit Menschen, Kulturen und der Natur haben ihre Haltung nachhaltig beeinflusst und ihren Zugang zur psychosozialen Begleitung wesentlich mitgeformt.

Ihre fachliche Arbeit basiert auf kontinuierlicher Weiterbildung und vertiefender Spezialisierung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf Schulungen und Fortbildungen zu den Themen häusliche Gewalt, Kinder- und Gewaltschutz sowie interprofessionelles Handeln im Gewaltkontext.

Ergänzend absolvierte sie Ausbildungen im Bereich Erste Hilfe für die Seele als akkreditierte Ersthelferin sowie Gender & Diversity mit Fokus auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Berufsalltag. Die laufende fachliche Auseinandersetzung und Weiterentwicklung sind dabei ein selbstverständlicher Bestandteil ihrer Arbeit.

Eine vertiefte theoretische und praktische Auseinandersetzung mit dem Thema Narzissmus erfolgte unter anderem im Rahmen ihrer Diplomarbeit „Die unsichtbaren Narben“ sowie durch umfangreiche Fachlektüre, Fortbildungen und kontinuierliche fachliche Reflexion.

Psychosoziale Begleitung versteht sie als behutsamen, respektvollen Prozess. Veränderung entsteht dort, wo Menschen sich gesehen fühlen, Erfahrungen ernst genommen werden und Raum entsteht, sich selbst neu zu begegnen.

Website/Kontaktaufnahme

Alternativ ist eine direkte Kontaktaufnahme per E-Mail unter ursula.gruber@mangrovita.at möglich.

Ursula Gruber ist außerdem auf Social Media präsent:
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Eine zeitnahe Rückmeldung ist in jedem Fall gewährleistet.

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