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Diana Nickel: Warum Führung immer bei einem selbst beginnt

In Zeiten von Unsicherheit, Veränderung und wachsender Komplexität geraten viele Führungskräfte an ihre Grenzen. Diana Nickel begleitet Unternehmen, Führungspersönlichkeiten und Teams dabei, genau hier anzusetzen: bei der Selbstreflexion und der eigenen Haltung.

Mit systemischem Coaching, klarer Analyse und einem feinen Gespür für zwischenmenschliche Dynamiken schafft sie Räume für Entwicklung, Klarheit und nachhaltige Führung. Im Interview spricht sie über innere Kündigung, Verantwortung, gelebte Werte – und darüber, warum echte Stabilität immer bei der Führung selbst beginnt.

Diana Nickel im Interview

Diana Nickel Interview

Was hat Sie dazu bewogen, Führungskräfte in Zeiten von Unsicherheit und Disruption zu begleiten?

Durch meine langjährige Tätigkeit als Trainerin in der Erwachsenenbildung – insbesondere in der Augenoptik habe ich tiefe Einblicke in sehr unterschiedliche Team- und Führungsdynamiken erhalten. Auffällig war für mich, dass viele Teilnehmende die Pausen nicht zum Essen nutzten, sondern das persönliche Gespräch suchten.

Dabei ging es selten um fachliche Themen, sondern um Unzufriedenheit im Unternehmen, um Überforderung, um Führungskräfte, von denen sie sich nicht gesehen oder verstanden fühlten. Nicht selten war die innere Kündigung bereits spürbar – oft unbewusst.

Diese Gespräche haben mich nachhaltig beschäftigt und letztlich dazu geführt, mich intensiv mit Coaching auseinanderzusetzen. Mir wurde klar: In Zeiten von Unsicherheit und Veränderung brauchen Führungskräfte nicht noch mehr Methoden, sondern einen Raum für Reflexion, Klarheit und persönliche Entwicklung. Führung beginnt immer bei der eigenen Person.

Viele Führungskräfte erleben Überforderung und Unzufriedenheit im Team. Woran setzen Sie an, um wieder Stabilität zu schaffen?

Nachhaltige Stabilität entsteht nur, wenn Verantwortung übernommen wird – beginnend bei der Unternehmensführung. Aufträge, bei denen ausschließlich Teams gecoacht werden sollen, lehne ich ab. Das würde bedeuten, Symptome zu behandeln, ohne die Ursachen zu berücksichtigen.

Ich arbeite zuerst mit der Führungsperson. Denn Teams sind Systeme aus individuellen Persönlichkeiten mit eigenen Geschichten, Prägungen und Erwartungen. Häufig wird von „Werten“ gesprochen, doch sie werden im Alltag nicht gelebt. Echtes Hinschauen erfordert Selbstreflexion – und die ist oft unbequem.

Führung heißt, sich selbst führen zu können.

Wer das vermeidet, riskiert hohe Fluktuation, innere Kündigung und langfristig das Scheitern ganzer Strukturen.

Ihr Coaching ist systemisch und am St. Galler Coaching Modell ausgerichtet. Was bedeutet das konkret in der Praxis?

Meine Ausbildung an der Coach Akademie Schweiz (CAS) war bewusst gewählt, weil sie konsequent systemisch und hundertprozentig praxisnah arbeitet. Systemisches Coaching bedeutet für mich: Es gibt nicht „das Team“ als Problem, sondern Wechselwirkungen zwischen Menschen, Rollen, Strukturen und Werten.

Unternehmen bestehen aus mehreren Teilsystemen – mit internen „Kunden“ und „Lieferanten“, etwa zwischen Abteilungen oder zwischen Innen- und Außendienst. Obwohl oft von einem gemeinsamen Team gesprochen wird, wird in der Praxis nicht selten gegeneinander statt miteinander gearbeitet.

Besonders kritisch wird es, wenn Menschen aus Loyalität oder Betriebszugehörigkeit in Führungspositionen gebracht werden, für die sie nicht geeignet sind.

Solche Entscheidungen können enorme gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen haben. Deshalb halte ich es für sehr sinnvoll, Coaches auch in Auswahlprozesse einzubeziehen. Selbstverständlich unterliege ich dabei strikt der Schweigepflicht.

Diana Nickel: Maßgeschneiderte Coaching-Formate für nachhaltige Entwicklung

Diana Nickel Business & Leadership Coach

Sie arbeiten im 1:1, mit Teams sowie in Seminaren und Vorträgen. Welche Themen passen zu welchem Format?

Im 1:1-Coaching arbeite ich sehr individuell an allen Themen, die Menschen bewegen – beruflich wie privat.

Persönlichkeitsentwicklung, Selbstführung, Entscheidungsfindung und innere Klarheit stehen hier im Vordergrund.

Teamcoachings, Seminare und Vorträge eignen sich besonders für Themen wie Kommunikation, Zusammenarbeit, Rollenklärung und Führungskultur. Fachliche Inhalte werden dabei immer um Persönlichkeitsentwicklung ergänzt.

Meine Angebote sind nicht standardisiert. Nach ausführlichen Vorgesprächen entstehen maßgeschneiderte Formate. Viele Unternehmen ermöglichen ihren Mitarbeitenden im Anschluss an Seminare auch Einzelcoachings – online oder in Präsenz. Einige meiner Klient:innen verbinden Coachings in Österreich bewusst mit einer persönlichen Auszeit.

Sie arbeiten auch mit Kund:innen aus der Augenoptik. Was verbindet diese Arbeit mit Ihrem Führungskräfte- Coaching?

Die Augenoptik ist geprägt von hoher fachlicher Kompetenz, engem Kundenkontakt und oft familiären Unternehmensstrukturen. Genau hier zeigen sich Führung, Kommunikation und Persönlichkeitsdynamiken besonders deutlich.

Was diese Branche mit meinem Führungskräfte-Coaching verbindet, ist der Mensch im Mittelpunkt: Wie gehe ich mit mir selbst um? Wie kommuniziere ich? Wie treffe ich Entscheidungen? Diese Fragen sind branchenübergreifend – sie zeigen sich in der Optik genauso wie in Industrie, Dienstleistung oder Handel.

Gibt es einen Erfolg oder ein Erlebnis aus Ihrer Arbeit, das Sie besonders gerne teilen möchten?

Ein prägendes Erlebnis war die Zusammenarbeit mit einem Unternehmer, der ein Kommunikationstraining für sein Team buchte. Am Ende des Seminars äußerten mehrere Teammitglieder, dass ihnen erstmals bewusst geworden sei, wie sehr die individuelle Lebensgeschichte jedes Einzelnen das tägliche Miteinander prägt.

Im Anschluss begleitete ich ihn sowie eine weitere Führungskraft mehrere Tage im Einzelcoaching. Auch heute steht mein Angebot den Mitarbeitenden offen. Solche Prozesse zeigen mir immer wieder, wie viel Veränderung möglich ist, wenn Menschen bereit sind, ihre Komfortzone zu verlassen.

Coaching ist nie vollständig planbar. Gruppendynamiken entwickeln sich oft anders als erwartet, Konzepte dürfen sich neu schreiben. Genau darin liegt für mich die Faszination dieser Arbeit.

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