Nach einem schweren Schicksalsschlag scheint der Weg zurück ins Leben oft kaum vorstellbar. Bettina Sandtner begleitet Frauen in Zeiten von Trauer, Verlust und Neuorientierung dabei, ihre innere Stärke wiederzuentdecken und neue Perspektiven zu entwickeln.
Die Natur ist dabei weit mehr als eine Kulisse – sie wird zu einem geschützten Raum für Ruhe, Heilung und Veränderung. Im Interview spricht Bettina Sandtner darüber, wie achtsame Begleitung dabei helfen kann, Schritt für Schritt wieder Vertrauen ins Leben zu gewinnen.
Bettina Sandtner im Interview
Was hat Sie dazu bewegt, Frauen nach schweren Schicksalsschlägen und in Zeiten der Neuorientierung mit der Kraft der Natur zurück ins Leben und zu sich selbst zu begleiten?
Mein eigener Schicksalsschlag hat mein Leben von einem Tag auf den anderen verändert. Mit dem plötzlichen Tod meines Mannes musste ich lernen, wie es ist, wenn nichts mehr so ist, wie es einmal war.
Ich habe erfahren, wie sich Trauer anfühlt, wie viel Kraft das tägliche Funktionieren kostet und wie lange der Weg zurück ins Leben sein kann.
Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass es nicht darum geht, den Schmerz loszuwerden. Er wird immer ein Teil des Lebens bleiben. Viel wichtiger ist die Frage: Wie kann ich trotz allem wieder leben?
Die Natur war auf meinem eigenen Weg mein sicherster Begleiter. Dort musste ich nichts erklären und niemandem etwas beweisen. Zwischen Wäldern, Wiesen und Bergen durfte ich einfach sein. Genau dort habe ich Schritt für Schritt wieder Vertrauen ins Leben gefunden.
Heute sage ich oft: „Ich hole Frauen nicht aus ihrer Trauer heraus. Ich begleite sie auf ihrem Weg zurück ins Leben.“
Für mich bedeutet das, Frauen dabei zu unterstützen, ihre eigene Kraft wiederzuentdecken, neue Perspektiven zu entwickeln und sich selbst wieder wichtig zu nehmen.
Welche Rolle spielt die Natur in Ihrer Arbeit, und warum wirkt sie gerade in Umbruch- oder Verlustphasen so kraftvoll?
Die Natur bewertet nicht. Sie stellt keine Erwartungen und verlangt keine Erklärungen. Sie nimmt uns so an, wie wir gerade sind.
Gerade nach einem Schicksalsschlag leben viele Frauen fast nur noch im Kopf. Sie grübeln, stellen sich unzählige Fragen und verlieren den Kontakt zu sich selbst. Draußen verändert sich das oft ganz von allein. Beim Gehen wird der Atem ruhiger, die Gedanken werden klarer und die Sinne öffnen sich wieder.
Ich nutze die Natur nicht als Kulisse, sondern als wertvollen Begleiter. Sie schenkt Ruhe, Erdung und Vertrauen. Viele Frauen erzählen mir, dass sie nach einer gemeinsamen Zeit draußen wieder das Gefühl haben, bei sich angekommen zu sein.
Wie gestalten Sie Ihre Begleitung, damit Frauen Raum für Schmerz, Wandlung und neue Perspektiven finden?
Jede Frau bringt ihre eigene Geschichte mit. Deshalb gibt es bei mir keinen festen Ablauf und keine Patentrezepte.
Ich verbinde Gespräche mit Bewegung in der Natur, Achtsamkeitsübungen und kleinen Impulsen zur Selbstreflexion. Manchmal entstehen die wertvollsten Erkenntnisse nicht im Gespräch, sondern in der Stille, beim Gehen oder beim bewussten Wahrnehmen der Natur.
Mir ist wichtig, dass Frauen sich nicht unter Druck setzen. Veränderung braucht Zeit. Ich möchte einen geschützten Raum schaffen, in dem alles da sein darf – Schmerz, Zweifel, Hoffnung und Freude. Daraus können neue Perspektiven entstehen.
Bettina Sandtner: Zurück zur eigenen inneren Stimme
Was verstehen Sie unter weiblicher Neuorientierung – und welche inneren Prozesse beobachten Sie dabei besonders häufig?
Viele Frauen haben über Jahre funktioniert. Sie waren für andere da und haben ihre eigenen Bedürfnisse immer wieder zurückgestellt.
Nach einem Schicksalsschlag oder einer tiefen Veränderung fällt vieles weg, was vorher selbstverständlich war. Das ist schmerzhaft, eröffnet aber auch die Chance, sich selbst neu kennenzulernen.
Ich erlebe häufig, dass Frauen beginnen, sich Fragen zu stellen wie: Wer bin ich heute? Was wünsche ich mir wirklich? Was tut mir gut?
Für mich beginnt Neuorientierung genau dort: Wenn Frauen wieder lernen, auf ihre innere Stimme zu hören und sich selbst die Erlaubnis geben, ihr Leben bewusst nach ihren eigenen Werten zu gestalten.
Welche konkreten Angebote umfassen Ihre Arbeit, und für welche Lebenssituationen sind sie jeweils gedacht?
Ich begleite Frauen auf ganz unterschiedliche Weise – immer abgestimmt auf ihre persönliche Lebenssituation und ihre Bedürfnisse.
Ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit sind individuelle Naturcoachings sowie achtsame Wanderungen, bei denen Bewegung, Gespräche und die Kraft der Natur miteinander verbunden werden.
Ergänzend biete ich Waldbaden und Natur-Retreats an. Diese ermöglichen es, für einige Stunden oder mehrere Tage bewusst Abstand vom Alltag zu gewinnen, zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu schöpfen.
Gleichzeitig ist es mir wichtig, Frauen unabhängig von ihrem Wohnort begleiten zu können.
Deshalb habe ich zusätzlich ein Online-Programm entwickelt. Es begleitet Frauen Schritt für Schritt dabei, nach einem schweren Schicksalsschlag wieder Vertrauen in sich selbst zu finden, neue Perspektiven zu entwickeln und ihr Leben bewusst neu zu gestalten – ganz in ihrem eigenen Tempo.
Meine Angebote richten sich an Frauen, die nach einem Verlust, einer Trennung, einer Erkrankung oder einer anderen tiefgreifenden Veränderung spüren, dass sie nicht länger nur funktionieren möchten. Ich begleite sie dabei, wieder in ihre Kraft zu kommen und ihren eigenen Weg bewusst weiterzugehen.
Gab es eine Begegnung oder Erfahrung in Ihrer Begleitung, die Ihnen besonders gezeigt hat, wie heilsam dieser Weg sein kann?
Es gibt viele Begegnungen, die mich tief berühren. Nicht, weil etwas Außergewöhnliches passiert ist, sondern weil ich erleben darf, wie Frauen nach und nach wieder Vertrauen in sich selbst gewinnen.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Frau, die über lange Zeit nur noch funktioniert hatte. Sie hatte sich selbst völlig aus den Augen verloren. Während unserer gemeinsamen Zeit in der Natur wurde ihr bewusst, wie lange sie ihre eigenen Bedürfnisse zurückgestellt hatte.
Am Ende unserer Begegnung sagte sie zu mir: „Heute habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gespürt, wer ich bin.“
Dieser Satz hat mich tief berührt. Genau darum geht es in meiner Arbeit. Ich möchte Frauen nicht verändern und ihnen keine Lösungen vorgeben. Ich möchte sie ein Stück auf ihrem Weg begleiten – bis sie wieder Vertrauen in sich selbst finden und erkennen, dass bereits alles in ihnen steckt, was sie für ihren weiteren Weg brauchen.
Über Bettina Sandtner:
Wenn ich nicht gerade Frauen begleite, findet man mich meist in den Bergen oder in den Wäldern meiner Heimat. Dort tanke ich Kraft, finde Ruhe und erinnere mich immer wieder daran, warum ich diesen Weg gewählt habe.
Die Natur ist für mich nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern ein Ort, an dem ich selbst immer wieder bei mir ankomme.




