Axel Doderer begleitet seit vielen Jahren Familien, Eltern und Einzelpersonen in herausfordernden Lebensphasen. Sein Weg führte ihn von der Sinnsuche über Reisen und Heilpraxis hin zu einem tiefgehenden Familien- und Elterncoaching, das systemische Zusammenhänge in den Mittelpunkt stellt.
Aus persönlicher Erfahrung und langjähriger Praxis entwickelte er einen Ansatz, der Symptome nicht isoliert betrachtet, sondern die dahinterliegenden Geschichten sichtbar macht. Im Gespräch spricht er über prägende Stationen, typische Anliegen seiner Klient:innen und darüber, wie nachhaltige Veränderung im familiären Miteinander möglich wird.
Interview mit Axel Doderer
Was hat Sie dazu bewogen, sich auf Familien- und Elterncoaching zu spezialisieren – und wie ist daraus Ihre heutige Arbeit entstanden?
Familiencoaching begleitet mich schon seit Jahrzehnten. Die Wurzeln dafür liegen weit zurück. Nach meinem Abitur war mir klar, dass ich nur einen Beruf ergreifen wollte, der mir sinnvoll und erfüllend erschien. Einfach so – oder nur des Geldes Willen – zu studieren, schien mir unpassend.
Entsprechend ging ich auf Reisen. Es muss mit Fügungen zu tun haben, denke ich mir heute, dass ich schließlich in Indien bei und durch einen Yoga-Lehrer von deutschen Heilern wie Samuel Hahnemann, Sebastian Kneipp und Louis Kuhne erfahren habe. Damit war der Weg zum Heilpraktiker – ein in Deutschland existenter, freier Beruf – gelegt. Ich hatte meinen Sinn gefunden.
Die nächsten Schritte ergaben sich aus den Seminaren und Spezialisierungen, die ich als Heilpraktiker in mein Programm aufnahm. So kam ich zur Kinesiologie – einer Lehre der Gesundheit, Potentialentfaltung und Lernförderung. Mit letzterer fluteten plötzlich Kinder mit Lernstörungen und Verhaltensauffälligkeiten meine Praxis.
Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass hinter jedem schwierigen oder lernauffälligem Kind eine schwierige Lebens-Situation und/oder schwierige Themen in der Familie stehen. Ich nahm die Eltern mit ins Boot. Familien-Coaching war geboren.
Für die heutige Arbeit kam dann noch ein entscheidender, persönlicher Lebensabschnitt dazu: Die Trennung meiner 1. Familie. Ich hatte damals schon zwei Kinder mit meiner ersten Frau und die Trennung von ihr und den Kindern war eine Zäsur für mich.
Genau in dieser existentiellen Situation lernte ich Familienstellen und damit nach und nach systemische Grundlagen kennen. Ein Segen! Es war der Weg, mich Selbst, mich als Vater und mich als Mann wieder zu finden.
Die Erforschung der tiefen Dynamiken und Regeln in uns, im Blick und im Kontakt mit unseren Lieben, das heißt im gesamten Familiensystem, gehörte von da an ganz wesentlich zu meiner Arbeit dazu und macht sie heute aus.
Viele Menschen kommen zu Ihnen, wenn der Alltag belastend oder konfliktreich geworden ist. Mit welchen Themen oder Situationen wenden sich Menschen am häufigsten an Sie?
Die Themenstellungen sind äußerst vielfältig und ändern sich je nach Zeitströmung und sicherlich auch entsprechend meiner aktuellen Orientierung innerhalb der Praxisarbeit.
Wie oben erwähnt, waren es eine Zeitlang Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten und/oder Lernstörungen, die den Schwerpunkt bildeten. Dann war es eine Zeitlang die Arbeit mit Paaren und damit dem großen Thema „Wie Liebe gelingt“, die vermehrt angefragt wurde.
Aktuell ist es eher die persönliche Entwicklung und Selbstfindung, die einen Vorrang hat, verbunden auch mit schweren Erkrankungen, Lebenskrisen und Sinnfragen.
Innerhalb einer jeden Familie gibt es als Grundströmung Gefühle der Verbundenheit und der Zugehörigkeit. Das zu Wissen ist eine wichtige Basis.
Es geht in den meisten Fällen darum, herauszufinden durch welche Ereignisse Störungen in diesem Grundgefühl aufgetaucht sind. Jeder Konflikt hat seine eigene Geschichte. Diese muss nachvollzogen und erkannt werden.
Dann kann jeder Einzelne seine stimmige Position innerhalb dieser Geschichte finden, kann erkennen, wo ggf. Emotionen unterdrückt oder übertragen wurden, Ansprüche und Rollen vermischt wurden und wie befreiend es ist, ganz in die eigene Verantwortung zu gehen.
Im Alltag schafft das Abgrenzungen und Nähe in dem Rahmen, der zu der jeweiligen (Familien-)Geschichte passt. Der Anspruch „heile Welt“ zu leben bzw. zu bekommen wird durch „Dankbarkeit für das, was möglich ist“ ersetzt.
Axel Doderer: Begleitung in intensiven Lebens- und Wandlungsphasen
Welche Angebote umfasst Ihre Arbeit heute – und für welche Familien oder Lebensphasen ist Ihr Coaching besonders hilfreich?
Durch meinen Umzug 2022 hierher nach Österreich ist aus meiner Präsenz-Praxis, die ich mitgebracht habe, auch eine Online-Praxis geworden. Viele Klienten aus Deutschland wollten weiter Unterstützung bekommen und die Corona-Zeit hatte gezeigt, dass auch Online-Begegnungen intensiv sein können.
Allerdings mit Grenzen und so bildete sich noch ein Angebot heraus: Die „Tage der Veränderung“ – eine Intensiv-Zeit – drei bis fünf Tage mit täglichen, ausgedehnten Begegnungen und konsequenter Arbeit an dem (oder den) eigenen Themen – bei Unterbringung nach eigener Wahl hier in der Nähe.
Als Schwerpunkt meiner Arbeit haben sich insgesamt hartnäckige Themen herausgestellt. Belastungen und Konflikte, Krankheiten, die sich bisher der Veränderung und Ablösung entzogen haben.
Meine Spezialisierung ist das Erforschen der Geschichte hinter den Symptomen und das Erkennen der Zusammenhänge.
Meist sind es unverarbeitete, traumatische Erlebnisse und Ereignisse, die hinter den heutigen Zuständen und Krankheiten stehen.
Dabei gibt es solche, die in das unmittelbare, eigene Leben gehören und solche, die quasi mitgebracht sind, weil sie die emotionale und unterdrückte Ladungen enthalten, die zu Ereignissen der Eltern oder gar Großeltern gehören. Das sind sogenannte Verstrickungen. Diese zu erkennen ist oft der Schlüssel zur Veränderung.
Die Themen, egal ob erworben oder mitgebracht, waren zum Zeitpunkt des Geschehens zu groß und zu mächtig, um verarbeitet worden zu sein. Entsprechend bildet diese Verarbeitung = Trauma-Ablösung, einen wichtigen Anteil meiner Arbeit.
In Kombination mit dem freilegen des persönlichen Potentials jedes Einzelnen, welches in jedem schlummert und sich hinter den Belastungen und Auflagerungen verbirgt, entsteht eine neue, positive Grundhaltung zum Leben, zu sich selbst und in der Familie.
Sehr bewährt haben sich für diesen Prozess auch Tages – und Wochenendseminare „Familienaufstellungen und systemisches Arbeiten“. Diese finden regelmäßig statt und werden oft als entscheidende Schritte und Wendepunkte erlebt.
Ja, Beziehung und Kommunikation sind wesentlich! Die systemische Arbeit und Sichtweise hat diese Beobachtung bestätigt und verstärkt. Und sie führte zu vielen Erkenntnissen, wie positiv Einfluss genommen werden kann, wie zum Beispiel eine abgebrochene Beziehung wiederhergestellt werden kann oder eine Konfliktsituation in eine Beziehung auf Augenhöhe überführt werden kann.
Der wesentliche Prozess ist auch hier das Erkennen der Zusammenhänge, der Geschichte dahinter. Damit ist es möglich, den Blick zu erweitern, Überblick zu bekommen und somit einen neuen Zugang zu finden = in Kommunikation zu treten. Manchmal ergibt sich daraus eine schon lange notwendige, noch deutlichere Abgrenzung, besser „Freistellung“ genannt – und oft ein neuer Zugang, ein neues, geklärtes Miteinander.
Gibt es eine Erfahrung oder Rückmeldung aus Ihrer Arbeit, die für Sie besonders zeigt, wie nachhaltig Familiencoaching wirken kann?
Ehrlich gesagt, gibt es viele! Und es gibt die Tatsache, dass sich immer wieder Klienten melden, die vor vielen Jahren schon einmal – gegebenenfalls in einer anderen Konstellation – bei mir waren.
Damals noch als Kind der Eltern oder in einer Lebenskrise oder mit einem ersten Partner/Partnerin etc. … Der Schlüssel, den ich sehe, ist, mit den Klienten zusammen jeweils umfassend auf die gesamte Lebenssituation und Lebensbedingungen zu schauen. Oft wird die Symptomatik, um die es vordergründig geht, plötzlich nachvollziehbar und schlüssig.
Die Klienten erleben die Begegnungen hier immer wieder als eine Art Wendepunkt. Einen Abschluss einerseits und einen Neubeginn andererseits.
Dann wird aus der Depression ein neues, zugewandtes Lebensgefühl, aus der Lebenskrise neue Motivation und aus dem Vater-Mutter-Kind-Konflikt ein gutes Miteinander.. Alles kann neu geordnet und sortiert werden. Alles passt gut zusammen. Jede(r) bekommt seinen Platz in der gemeinsamen Geschichte und in der ganzen Familie. Das fühlt sich gut an.
Über Axel Doderer:
Axel Doderer ist Begründer und Leiter von Familien Coaching Professional®. Er arbeitete über 35 Jahre in seiner Heimat Deutschland als Heilpraktiker, Seminarleiter und Ausbildner.
In Österreich ist er seit drei Jahren als Lebens- und Sozialberater anerkannt und setzt seine Arbeit fort. Die methodischen Schwerpunkte in seiner Praxis und bei seinen Seminaren sind Systemische Arbeit, Familienstellen, Lebens-Integrations-Prozess, Trauma-Integration, Kinesiologie, Arbeit mit inneren Bildern und mit intuitiven Interventionen.




