Die Aufmerksamkeitsökonomie des digitalen Marktes ist gnadenlos: 55% der Webseitenbesucher verweilen weniger als 15 Sekunden, die entscheidende Weichenstellung zur Informationsaufnahme erfolgt in den ersten fünf Sekunden. Diese Geschwindigkeit steht jedoch in direktem Konflikt mit den strengen Anforderungen des Verbraucherschutzrechts, welches die vollständige und sofortige Erkennbarkeit wesentlicher Bedingungen bei Bonusangeboten, etwa im E-Commerce oder im stark regulierten Glücksspielbereich, ungeachtet der kurzen Aufmerksamkeitsspanne des Nutzers fordert.
Der 5-Sekunden-Visibility-Test ist die Antwort der Aufsichtsstellen auf die Frage, ob Nutzer wesentliche Bedingungen tatsächlich in den ersten Sekunden wahrnehmen können. Er dient Regulierungsbehörden als Audit-Instrument, um die tatsächliche Sichtbarkeit einschränkender Bedingungen zu messen und Verstöße gegen Transparenzpflichten nachvollziehbar und quantifizierbar nachzuweisen.
In diesem Artikel legen wir dar, wie Aufsichtsstellen – insbesondere die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) – den 5-Sekunden-Test zur Überprüfung der Einhaltung von Transparenzanforderungen einsetzen.
Das Prinzip des 5-Sekunden Tests
Der 5-Sekunden-Test ist eine etablierte UX-Methode, die den ersten Eindruck und die Wiedererkennung von Botschaften und Designelementen misst. Probanden sehen ein Design (z.B. eine Werbeanzeige für einen Bonus) für exakt fünf Sekunden und werden anschließend befragt, welche Informationen sie behalten haben.
Im Kontext der Bonusbedingungen ist der Test ein direkter Indikator für die Compliance:
- Sekunde 1-2: Der Nutzer erfasst den visuellen Eindruck und die Kernaussage („Bonusangebot“).
- Sekunde 3-5: Der Nutzer prüft die Relevanz der Inhalte. In dieser Phase müssen die wesentlichen einschränkenden Bedingungen erfasst werden, um eine informierte Entscheidung zu ermöglichen.
Wenn die kritischen Konditionen nicht in dieser kurzen Sequenz erinnert werden können, gilt die Kommunikationsstrategie als fehlerhaft und potenziell irreführend.
Sektorspezifische Anforderungen
Im regulierten Glücksspielmarkt werden die Anforderungen an die Transparenz durch den Glücksspielstaatsvertrag (GlüStV 2021) und die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) stark verschärft. Der Glücksspielstaatsvertrag GlüStV 2021 verpflichtet Anbieter dazu, nur Bonusangebote mit klaren Bedingungen bereitzustellen. Das bedeutet, dass wichtige Informationen wie Umsatzanforderungen, Gültigkeitsdauer oder mögliche Einschränkungen gut sichtbar angezeigt werden müssen, bevor ein Bonus angenommen wird. Anbieter nutzen hierfür oft Pop-ups, um die Compliance sicherzustellen.
Internationale Standards wie jene der britischen Advertising Standards Authority ASA verfolgen einen ähnlichen Ansatz. Zentrale Bedingungen müssen auf den ersten Blick erkennbar sein, während weiterführende Informationen höchstens einen Klick entfernt sein dürfen. Auch nach deutschem Recht gilt: Jede zusätzliche Hürde wie weiteres Klicken oder Scrollen kann die sofortige Erkennbarkeit beeinträchtigen und das Risiko erhöhen, dass Nutzer wichtige Bedingungen übersehen.
Wie die Aufsicht prüft
Bei der Prüfung geht es vor allem darum, ob Nutzer die wichtigen einschränkenden Bedingungen eines Bonus nach fünf Sekunden noch erinnern können. Dazu zählen zum Beispiel Umsatzanforderungen, Mindesteinsätze oder zeitliche Begrenzungen.
Verbraucher entscheiden in den ersten Sekunden, ob ein Angebot für sie interessant ist. Bei Bonusangeboten ist die entscheidende Frage: „Ist der Deal unter den tatsächlichen Bedingungen noch vorteilhaft?“ Einschränkende Bedingungen wie eine hohe Umsatzpflicht bestimmen die tatsächliche Attraktivität eines Angebots. Deshalb müssen sie gleichzeitig mit der positiven Information, also dem Bonusbetrag, klar sichtbar kommuniziert werden. Wenn viele Testpersonen die kritischen Bedingungen nicht korrekt wiedergeben können, gilt die Transparenzpflicht als verletzt. Dann dringt nur das attraktive Versprechen ins Bewusstsein, die Einschränkung jedoch nicht.
Wie die Aufsicht die Sichtbarkeit bewertet
Die Aufsicht nutzt die Ergebnisse, um gestalterische Mängel nachzuweisen, die in der Rechtsprechung bereits als unzumutbar gelten. Dazu gehört zum Beispiel die Verwendung von hellem Grauton für Bedingungen oder die Darstellung in sehr kleiner, dünner Schrift auf der Rückseite eines Dokuments. Solche Designs führen im 5-Sekunden-Test fast immer zu einem schlechten Erinnerungswert.
Designrichtlinien für Rechtskonformität
Die Einhaltung der Visibility-Anforderungen erfordert eine Umsetzung von Designstandards, die typografische und gestalterische Entscheidungen direkt mit der Rechtsprechung in Einklang bringen.
Schriftgröße und X-Höhe
Obwohl die absolute Punktgröße variiert, ist die relative optische Größe (X-Höhe) entscheidend. Die Verwendung von Schriftarten mit geringer X-Höhe, die den Text gedrungen wirken lässt, kann problematisch sein. Textgrößen unter 9pt sind ein hohes Risiko, es sei denn, die Schrift ist explizit für kleine Größen optimiert.
Kontrast und Farbe
Die Verwendung von kontrastarmen Farben, insbesondere heller Grauton, kann die Wirksamkeit von Klauseln zunichtemachen, da sie die zumutbare Kenntnisnahme verhindert. Hohe Kontrastverhältnisse (WCAG AA / AAA) sind obligatorisch, damit der Text auch bei flüchtiger Betrachtung sofort ins Auge sticht.
Zeilenabstand
Ein geringer Zeilenabstand (Leading) erhöht die Dichte des Textes und trägt zur gedrängten Form bei. Experten empfehlen einen Zeilenabstand von 120% bis 150% der Schriftgröße.
Strategien zur Platzierung und Hierarchisierung
Wesentliche Bedingungen (Wagering-Anforderungen, Fristen) müssen direkt und prominent mit der primären Werbeaussage verknüpft sein. Der Bundesgerichtshof hat betont, dass selbst vorhandene Informationen unwirksam werden, wenn sie durch verwirrende Fußnoten oder eine Überfülle an Details unklar und verwirrend formuliert sind. Das Design muss eine klare Hierarchie schaffen: Die Kernbeschränkungen müssen visuell so prominent sein wie das positive Angebot.
Konsequenzen der Nichterfüllung der regulatorischen Anforderungen
Wenn Unternehmen es versäumen, die wesentlichen Bonusbedingungen klar und sofort sichtbar zu machen, drohen folgende Konsequenzen:
1) Zivilrechtliche Verluste
Die versteckten Bonusbedingungen (z. B. hohe Umsatzanforderungen oder kurze Fristen) werden rechtlich unwirksam. Das bedeutet, der Kunde kann den Bonus ohne die eigentlich vorgesehenen Einschränkungen nutzen.
2) Wettbewerbsrechtliche Strafen
Konkurrenten oder Verbraucherverbände können das Unternehmen wegen irreführender Werbung abmahnen und Unterlassung fordern. Bei schweren oder weitverbreiteten Verstößen gegen das Wettbewerbsrecht drohen nach § 19 Abs. 2 S. 1 UWG Bußgelder von bis zu 50.000 Euro, oder in Extremfällen sogar bis zu 4% des Jahresumsatzes.
3) Regulatorische Risiken
Wiederholte oder schwere Compliance-Verstöße gefährden die Glücksspiellizenz.
Fazit
Der 5-Sekunden-Visibility-Test verdeutlicht eindrücklich, wie strikt die regulatorischen Anforderungen in der digitalen Welt geworden sind, insbesondere im Bereich Glücksspiel. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, ihre Werbemittel so zu gestalten, dass die wesentlichen Bedingungen innerhalb weniger Sekunden eindeutig erkennbar sind. Versteckte Klauseln genügen diesen Anforderungen nicht mehr.
Trotz der Schwierigkeiten für Unternehmen ist diese Strenge aus Sicht der Verbraucher positiv. Der 5-Sekunden-Test sorgt dafür, dass Nutzer alle wichtigen Informationen sofort erkennen und nicht durch versteckte Bedingungen getäuscht werden.





