Andrea Schuster bringt seit über 20 Jahren die Prinzipien der Traditionellen Chinesischen Medizin in Einklang mit westlicher Körperarbeit. Ihre Arbeit ist geprägt von Achtsamkeit, Empathie und einem tiefen Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Menschen.
Ob in ihrer Praxis, bei Retreats in Kroatien oder in der Kindertuina – für sie steht immer der ganze Mensch im Mittelpunkt. Dabei verbindet sie Fachwissen mit Intuition und Menschlichkeit – und berührt damit weit mehr als nur den Körper.
Interview mit Andrea Schuster
Was inspiriert Sie persönlich an der Verbindung westliche Physiotherapie und traditioneller chinesischer Medizin in der (Path) Tuina Anwendung?
Ich bin ausgebildete Tuina Praktikerin. Man könnte sagen das ist die Physiotherapie, also Körpertherapie, in der Traditionellen Chinesischen Medizin. Das faszinierende an der Tuina ist, dass es immer den Menschen als Ganzes betrachtet. Es wird bei jedem Besuch mittels Chinesischer Diagnostik befundet. Damit meint man wie strahlt der Mensch, was sagt sein Puls und seine Zunge, was ergibt die körperliche Diagnose, was erzählt er mir heute oder was erzählt er nicht.
Es geht viel um die Dinge dazwischen und was man als Therapeutin spürt und wahrnimmt. Das großartige an dieser Methode ist, es wird alles in ein Konzept eingeordnet und ergibt jedes Mal ein neues Ganzes. Wie das kreieren einer Symphonie. Deshalb ist es immer punktgenau und geordnet. Man könnte auch sagen ein maßgeschneidertes Dirndl oder Anzug bei jedem Besuch.
Kindertuina ist ein spezieller Schwerpunkt ihrer Arbeit. Wie gestalten sie Behandlungen für Kinder anders als für Erwachsene?
Kindertuina ist in der Chinesischen Medizin ein anderes Konzept. Es arbeitet weniger mit dem System der Meridiane und Akupunkturpunkten, sondern es geht immer um den Ausgleich der 5 Elemente und dem Yin und Yang Aspekt. Also im Großen und Ganzen um Harmonie und Balance damit die Kinder optimal gedeihen und sie ihre angelegten Stärken voll entwickeln können.
Was zu viel ist wird reduziert, was zu wenig ist wird gestärkt, was durcheinander geraten ist wird in Balance gebracht. Vorausgehend ist auch hier eine genaue Diagnostik mit Gespräch, Puls und Zunge bzw Bauchbefundung. Alles im Konzept der Chinesischen Medizin.
Für die Anwendungen mit Kindern ist für mich wichtig, dass die Kinder Spaß haben und sich wohl und entspannt fühlen. Mir hilft hier sicher die Ausbildung der ElternKindGruppen Leiterin und dass ich Mutter von 2 Kindern bin. Ich unterhalte mich nebenher immer viel mit den Kindern und sehe sie immer auch als meine Lehrer.
Kinder sind sehr weise, wenn man gut hinhört, was sie sagen. Und ich bin immer sehr berührt, wenn Kinder bei der Behandlung einschlafen oder den Elternteil hinaus schicken, weil sie mit mir allein die Behandlungsstunde genießen wollen. Das ist dann das größte Kompliment diese Form des Vertrauens geschenkt zu bekommen.
Warum Andrea Schuster Gesundheitswochen für Frauen gestaltet
Ihre Gesundheitwochen in Kroatien verbinden Körper, Geist und Gemeinschaft. Was ist ihr wichtigstes Ziel, wenn sie Diese Retreats konzipieren?
Das klingt jetzt vielleicht etwas träumerisch naiv, aber ich stelle mir seit ich ein Kind bin die Frage wie kann Frieden in der Welt gelingen. Und seit ich mich mit der Chinesischen Medizin beschäftige ist es gar nicht mehr so schwierig zu verstehen. Eine Balance zwischen dem Yin und Yang.
Zwischen dem Weiblichen und Männlichen Prinzip. Beides ist gleich wichtig. Nun ist es momentan so auf der Welt, dass das Weibliche Prinzip nicht so recht den Stellenwert hat, der ihm zusteht.
Damit meine ich nicht nur Frauen, sondern auch das Prinzip des Gemeinsamen, des Unterstützenden, des Nährenden, des Helfenden, des Weichen, des Ruhigen, Schutz und Verbindung mit der Natur und vieles mehr. Im krassen Gegensatz zu unserer Leistungsgesellschaft.
So ist meine Strategie, um dies zu ändern und letztendlich Frieden auf die Welt zu bringen, das Weibliche zu stärken. Und das mache ich mit diesen Seminaren und Gesundheitswochen, wo ich den Frauen zeige wo ihre Stärken sind und wie viele tolle Kompetenzen und Weisheiten in ihnen stecken. Empowerment. Ich spüre die nächste Generation ist auf einem fantastischen Weg. Wir werden das schon rocken!
Es liegt an jedem einzelnen von uns die Welt in eine friedliche Welt zu träumen und einen Beitrag zu leisten. Jeder noch so kleine Beitrag ist wichtig und zählt fürs große Ganze.
Funktionsgymnastik auf Grundlage jahrtausendealter TCM- Prinzipien klingt spannend – was schätzen sowohl Anfänger als auch erfahrene Teilnehmer daran besonders?
Die Funktionsgymnastik oder auch Tendinomuskuläre Achtsamkeitsübungen, kurz TMA© genannt, ist eine sehr leicht erlernbare Bewegungsform die in der Gruppe oder als Abrundung von meinen Anwendungen zum Einsatz kommt. Die Übungen sind sehr einfach und nicht anstrengend.
Es können Kinder bis Senioren ausführen. Meine älteste Kurs Teilnehmerin ist über 80 und mit Feuereifer dabei. Diese Übungen die ursprünglich aus dem Qigong kommen, haben nicht nur den Effekt die Beweglichkeit des Körpers wieder herzustellen oder zu bewahren, sondern sie wirken durch die Aktivierung des Meridiansystems auch harmonisierend auf das ganze System, also nicht nur auf den Körper, sondern auch auf mentaler und seelischer Ebene.
Ich bekomme sehr oft die Rückmeldung, dass die Teilnehmenden viel seltener krank werden und mental stabiler sind. Ich halte einen Kurs in Krispl/Gaissau schon seit 15 Jahren und es ist mittlerweile schon wie ein Turnstammtisch geworden. Ein wichtiger sozialer und gesellschaftlicher Treffpunkt, wo viel Herzlichkeit, Spaß und Freude fließen.
Was bedeutet für Sie ein ganzheitlicher Blick auf den Menschen – und wie zeigt sich dieser in ihrer täglichen Arbeit?
Den Menschen als Ganzes betrachten fängt in meiner Tätigkeit beim ersten Lächeln und Händedruck an.
Es bedeutet nicht nur durch Diagnose herauszufinden, ob die Wurzel des Problems körperlich, seelisch oder eher mental ist. Es bedeutet mehr auf die Zwischentöne zu lauschen. Was nehme ich noch wahr, was vielleicht gar nicht angesprochen wird. Ich versuche immer durch die Schichten zu blicken, um den „goldenen Buddha“ eines jeden zu entdecken.
Den wahren Kern der Person. Es braucht viel Empathie und Einfühlungsvermögen, manchmal Geduld und immer viel Offenheit und Liebe zu den Menschen und ihren Geschichten.
Das bedeutet auch für mich als Therapeutin mich weiterzubilden nicht nur fachlich, sondern auch in der Persönlichkeitsentwicklung, um möglichst neutral und mit offenem Geist und Herz wahrnehmen zu können. Da sind das Alter und die Erfahrung ein Vorteil.
Wo sehen Sie in ihrer Arbeit das größte Potenzial, wenn schulmedizinische und ganzheitliche Ansätze Hand in Hand gehen?
Die Erfahrung in der Zusammenarbeit mit ÄrztInnen und TherapeutInnen zeigt, durch Tuina bzw die Chinesische Medizin können die schulmedizinischen Methoden besser helfen.
Sei es durch schnellere Erfolge, kleinere Dosierung von Medikamenten oder eventuell Wechsel auf Kräuterrezepturen, die dann den Körper weniger belasten. Ich kann mir auch mehr Zeit nehmen, um den PatientInnen den Raum für Gespräche zu geben.
Vielen ist das schon eine große Hilfe, wenn hingehört wird, was sie bedrückt. Generell habe ich festgestellt, dass bei chronischen Erkrankungen und wenn die Weisheit der Schuldmedizin laut den PatientInnen am Ende ist, die Chinesische Medizin und Tuina im speziellen immer wieder eine Besserung herbeiführen kann. Vielleicht durch eine andere Perspektive auf das Problem.
Jedenfalls führt es dazu den Menschen Erleichterung in Form von weniger Schmerzen, weniger starken Symptomatiken und stabilerer Psyche zu geben.
Mein Traum wäre, dass die Komplementär und Alternativen Gesundheitsberufe einen besseren Stellenwert bekommen. Auch in Form von Unterstützung durch die Gesundheitskassen, damit die PatientInnen nicht immer alles selber zahlen müssen und sich die Methode aussuchen können, die ihnen am meisten hilft.
Über Andrea Schuster:
Ich bin seit 20 Jahren Tuina Praktikerin, und habe 2008 als meine Kinder in den Kindergarten gingen meine eigene Praxis gegründet. Es war herausfordernd und manchmal ein Abenteuer alles zu jonglieren. Mein Beruf war und ist immer schon eine Berufung gewesen. Und wenn man diesen Pfad der Berufung geht, schafft man mehr als man für möglich hält.
Ich hatte das Glück außergewöhnliche LehrerInnen in Österreich, Deutschland und China als Mentoren zu haben. Von Jahr zu Jahr lehrt mich das Leben eine Dienerin zu sein. Für die Menschen. Das klingt vielleicht etwas pathetisch und träumerisch, mag sein.
Doch gerade in Zeiten wie diesen braucht es mehr Träumer, mehr Liebevolles und mehr Herzensgüte. Ich habe vor kurzem einen Spruch von Birgit Fischer, einem Medium, gehört der mir sehr gefällt.
„Die Spiritualität der Neuzeit, ist die Menschlichkeit“.
Und wenn ich für mich übersetze, dass Spiritualität die Liebe zur Natur, zu den Menschen und der Welt ist, dann passt das gut.




